
Liebe Gäste, Freunde und Interessierte
Unsere Kulturkneipe WATT hat den Kampf gegen die Schließung verloren.
Ende 2024 haben die Eigentümer der Kulturkneipe Watt eine Verlängerung des Mietvertrages abgelehnt. Offene Briefe prominenter Kulturschaffender und Politiker, maßvolle Proteste, ein massives Medienecho und der Relevanzbeweis durch eine beeindruckend besuchte Fête de la Musique haben die Eigentümerentscheidung nicht ins Wanken gebracht.
Im September 2025 sieht es so aus, als seien einem seit Jahrzehnten arbeitenden Kulturort die Wurzeln gekappt. Faktisch mag das stimmen, doch wird nach dem Watt nicht die Ebbe herrschen. Ein Dreivierteljahr lang haben das Watt und seine Freunde und Unterstützer den Beweis erbracht, dass Basisdemokratie funktioniert und Widerstand wirkt, auch wo er aussichtslos erscheint.
Vorerst hat das Watt keine Adresse. Das heißt nicht, dass es ortlos geworden ist. In Zukunft sitzt das Watt neben Euch in der U-Bahn, steht hinter Euch in der Supermarktschlange oder hält Euch die Tür auf. Sei es die ins Theater oder ins Amt. Wo man uns lässt, sind wir höflich. Wir haben einiges gelernt und werden weiter von uns hören lassen.
Wir danken den Tausenden, die mit ihrer Unterschrift unter unsere petition, DAS watt zu erhalten, ihre unterstützung zum ausdruck gebracht haben. wir sehen uns!
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WATT is?
Am 16. Dezember 2024 wurde uns mitgeteilt, dass eine Verlängerung des im September 2025 auslaufenden Mietverhältnisses in der Metzer Straße 9, 10405 Berlin nicht in Betracht kommt. Diese De Facto-Kündigung beendet nach zehn Jahren die Arbeit einer zentral gelegenen Institution und Nachbarschaftskneipe.
Somit wird ein Schlussstrich unter die renitente Kunst- und Kulturgeschichte im ehemaligen Arbeiterbezirk Prenzlauer Berg gezogen, der für Jahrzehnte Knotenpunkt und Umschlagplatz der Unangepasstheit war. Im Watt begegnen sich Menschen unterschiedlicher Berufe und Berufungen, Generationen und Hintergründe von Angesicht zu Angesicht. Denker und Macher, Künstler und Manager, zugezogen und alteingesessen, jung und älter reden und diskutieren miteinander. Jenseits der Barriere hoher Eintrittspreise finden Konzerte etablierter als auch selten gehörter Musiker und Musikerinnen, Lesungen, oder einfach nur Gespräche am Tresen statt.
Dabei ist der Fall WATT exemplarisch und das Verschwinden von Kultureinrichtungen ein bedrückendes Thema, das berlinweit breite Aufmerksamkeit hat.
Unser Ziel ist, dass sich die Eigentümer nach der verhandlungslosen Beendigung des Mietverhältnisses einer Besprechung über das mögliche Fortbestehen öffnen. Das WATTist von großer Bedeutung für seine Besucher und Besucherinnen jeden Alters und verschiedenster Herkunft.
WATT war?
Die Räume des WATT beherbergten bis 2010 die Bar Diller, benannt nach dem Maler und Grafiker Michael Diller, einer prägenden Figur für die Kunstszene des Prenzlauer Bergs mit noch weiter reichender Strahlkraft.
Ab 2010 eröffneten der Schriftsteller Bert Papenfuß und die Künstlerin Mareile Fellien mit der Rumbalotte continua die Vorgängerinstitution des WATT. In der Rumbalotte wurden aus einem reichen Erfahrungsschatz heraus aktuelle Impulse gesetzt. Vor diesem Hintergrund haben wir, Freunde und Gäste des WATT, Veranstalter und Auftretende, die Initiative Kulturkneipe WATT retten! gegründet. Das WATT, im Übrigen ein solventer und verlässlicher Arbeitgeber, ist einzigartig; seine Situation allerdings exemplarisch.
WATT wird?
In einem Bezirk, der für Jahrzehnte die Feuilletons und Stadtmagazine faszinierte und inspirierte, werden wir uns einen liebgewonnenen Kulturraum und Erholungsort nicht nehmen lassen. Wir lassen von uns hören! In den nächsten Monaten arbeiten wir weiter an einem vielgestaltigen Programm und laden ein. Wir bekennen uns zu unserem Eigenbedarf. Gleichzeitig solidarisieren wir uns mit allen von Sozialkürzungen, Kulturkahlschlag und Kneipensterben bedrohten Menschen und Orten.
Eigentum entpflichtet nicht!
Wir dürfen nicht den Namen des Mannes und seiner Frau in unsere Veröffentlichungen schreiben, der unseren sozialen und kulturellen Alltag seinen Interessen opfert. Er darf das machen, aber wir dürfen das nicht sagen.
Viele werden die Szene kennen:
‚Du sollst nicht meinen Namen nennen‘, antwortet Henry Fonda auf die Frage seines Spießgesellen: ‚Haben wir den Richtigen erwischt, Frank?‘ und dann vollendet er das Massaker an der Familie McBain und knallt auch noch den kleinen x-beinig erstarrten Timmy ab mit einem gefühlt ellenlangen Colt. Den Knall dieser Hinrichtung lässt Ennio Morricone übergehen in das Pfeifen und Stampfen einer Lokomotive, Inbegriff der endgültigen Kolonialisierung und Kapitalisierung des Wilden Westen. So geschehen in Sergio Leone’s Spiel mir das Lied vom Tod (Once upon a time in the West). So der Western.
Jetzt der Ostern. Wir sollen gezwungen werden, ein namenloses Phantom zu bekämpfen, das uns bedroht. Dabei kennen wir die Realnamen ganz konkreter Personen aus der Nachbarschaft, die sich nach zu Unrecht Sitten genannten Regeln des zu Unrecht Raubtierkapitalismus so ziemlich alles herausnehmen können. Raubtiere stillen ihren Hunger, sie häufen nichts an. Die zu Unrecht Rechtslage genannte Unrechtslage vernachlässigt zugunsten von Besitz alle anderen Interessen und seien sie noch so sinnvoll und zahlreich. Die Tatsache, dass dieser Sachverhalt weder neu noch eine Ausnahme ist, mildert seine Härte in keiner Weise ab. Wir sollen die Vorgänge als Schicksal hinnehmen, das uns heimsucht. Als Naturgewalt, die über uns hereinbricht. Als geschaffene Fakten, denen wir hilflos gegenüberstehen. Und vor allem: keine Namen nennen.
Wenn die Dinge nicht mehr beim Namen genannt werden dürfen, entgleiten sie. Die Dinge zu benennen ist Grundrecht in der Provinz des Menschen. So hat Elias Canetti das genannt.
WATT is?
As we were informed on December 16th, 2024, that the lease for our music and culture bar WATT at Metzer Straße 9, 10405 Berlin, which expires by September 2025, will not be renewed. This is de facto an eviction and marks the end of a decade-long run for a centrally located cultural institution and neighbourhood gathering place. Thus, a final point is set to the defiant artistic and cultural history of the former working-class district Prenzlauer Berg, that for many years was a hub and playground for nonconformists.
At WATT, people of all professions and callings, generations and backgrounds meet face to face. Thinkers, movers and shakers, artists, managers, newcomers and long established residents, young and not-so-young use to communicate, to debate or simply to talk to each other at the counter. Moreover WATT hosts concerts by both established and lesser-known musicians, readings, performances at reasonable admission fees.
The WATT case is exemplary and the disappearance of cultural institutions is a depressing issue that has attracted widespread attention throughout Berlin.
Our aim is for the owners to open up to a discussion about the possible continuation of the lease after it has been terminated without negotiation. The WATT is of great importance to its visitors of all ages and backgrounds.
WATT was?
Until 2010, the premises of today’s WATT were home to Bar Diller, named after the painter and graphic artist Michael Diller, a formative personality in the Prenzlauer Berg art scene and beyond. In 2010, writer Bert Papenfuß and artist Mareile Fellien founded Rumbalotte continua. Drawing from a wealth of experience, Rumbalotte became a source of fresh and timely impulses.
Against this backdrop, we, friends and guests of WATT, organisers and performers, have launched the initiative “Save the cultural bar WATT!”
WATT, by the way a solvent and very reliable employer, is unique. Its current situation and the circumstances are unfortunately exemplary.
WATT will be?
In a neighbourhood that has fascinated and inspired cultural critics and city magazines for decades, we are not going to accept without objection the loss of our cherished cultural space, our place of retreat and recreation.
In the upcoming months, we continue working on our multifaceted programme, and we invite you to join us. We stand up for our right to this space. And we stand in solidarity with everyone affected by cuts to social programmes, gutting of cultural life, and gentrification all around the city.
Legal Ownership does not exempt from responsibility!